Gemeinverständliche Studien
über Monistische Philosophie
von
Ernst Haeckel
Neu bearbeitete
Taschenausgabe
Leipzig
Alfred Kröner Verlag
1909
Druck von Ernst Hedrich Nachf., G. m. b. H., Leipzig
Die vorliegenden Studien über monistische Philosophiesind für die denkenden, ehrlich die Wahrheit suchenden Gebildetenaller Stände bestimmt. Zu den hervorragenden Merkmalen des19. Jahrhunderts, an dessen Ende wir stehen, gehört das lebendigeWachstum des Strebens nach Erkenntnis der Wahrheit inweitesten Kreisen. Dasselbe erklärt sich einerseits durch die ungeheurenFortschritte der wirklichen Naturerkenntnis in diesemmerkwürdigsten Abschnitte der menschlichen Geschichte, andererseitsdurch den offenkundigen Widerspruch, in den dieselbe zurgelehrten Tradition der »Offenbarung« geraten ist, und endlichdurch die entsprechende Ausbreitung und Verstärkung des vernünftigenBedürfnisses nach Verständnis der unzähligen neu entdecktenTatsachen, nach klarer Erkenntnis ihrer Ursachen.
Den gewaltigen Fortschritten der empirischen Kenntnisse inunserem »Jahrhundert der Naturwissenschaft« entsprichtkeineswegs eine gleiche Klärung ihres theoretischen Verständnissesund jene höhere Erkenntnis des kausalen Zusammenhanges allereinzelnen Erscheinungen, die wir mit einem Worte Philosophienennen. Vielmehr sehen wir, daß die abstrakte und größtenteilsmetaphysische Wissenschaft, welche auf unseren Universitäten seitJahrhunderten als »Philosophie« gelehrt wird, weit davon entferntist, jene neu erworbenen Schätze der Erfahrungswissenschaft insich aufzunehmen. Und mit gleichem Bedauern müssen wir aufder anderen Seite zugestehen, daß die meisten Vertreter dersogenannten »exakten Naturwissenschaft« sich mit der speziellenPflege ihres engeren Gebietes der Beobachtung und des Versuchsbegnügen und die tiefere Erkenntnis des allgemeinen Zusammenhangesder beobachteten Erscheinungen — d. h. eben Philosophie!— für überflüssig halten. Während diese reinen Empiriker »denWald vor Bäumen nicht sehen«, begnügen sich jene Metaphysikermit dem bloßen Begriffe des Waldes, ohne seine Bäume zu sehen. [S. IV]Der Begriff der »Naturphilosophie«, in welchem ganz naturgemäßjene beiden Wege der Wahrheitsforschung, die empirischeund die spekulative Methode, zusammenlaufen, wird sogar nochheute in weiten Kreisen beider Richtungen mit Abscheu zurückgewiesen.
Dieser unnatürliche und verderbliche Gegensatz zwischen Naturwissenschaftund Philosophie, zwischen den Ergebnissen der Erfahrungund des Denkens, wird unstreitig in weiten gebildeten Kreisenimmer lebhafter und schmerzlicher empfunden. Das bezeugt schonder wachsende Umfang der ungeheuren populären »naturphilosophischen«Liter