Weihnachtsabend.

Roman
von
Theodor Mügge.

Berlin, 1853.
Verlag von Otto Janke.

Es begab sich an einem kalten und stürmischenDezemberabende des vergangenen Jahres, daß tiefim untersten Grunde eines mächtigen fünfstöckigenHauses, welches im comfortabelsten Theile derStadt, dicht an der schönsten und vornehmstenStraße steht, ein fleißiges junges Ehepaar emsigarbeitend beisammen saß, als es beinahe Mitternachtschlagen wollte. Dies fleißige Pärchen gehörtezu der bedeutenden Zahl moderner Troglodytenin den großen Tummelplätzen der menschlichenGesellschaft, die ihre Parias nicht allein fünfoder sechs halsbrechende Treppen hoch in Dachwinkelnund Bodenkammern unterbringt, sondernsie auch tief in den Schoß der mütterlichen Erdehinabsteigen läßt, um allda zwischen feuchten,dumpfigen Mauern zu versuchen, was Hungerund Fieber ihnen anzuthun vermögen.

So übel jedoch sah es in der Kellerwohnungnicht aus, in welcher die beiden Arbeiter saßen.Es war ein ziemlich großes, grün angestrichenesZimmer, dessen Decke sich tonnenartig wölbte; auchlag es nicht gar tief unter der Oberfläche derStraße. Denn die Fenster waren gut erreichbar,hatten helle große Scheiben und waren von außenmit dichten Läden geschlossen. Es war ganz sichtlichein noch ziemlich neues Haus und über diesemkleinen tiefen Raume lag ein Schimmer jeneswohlthuenden Geistes der Ordnung und Sauberkeit,der auch mit Armuth zu versöhnen weiß.

Wenige Geräthe waren in dem Zimmer. Einbreites Bett stand an der langen Wandseite, eineKommode, über welcher ein kleiner Spiegel hing,befand sich ihr gegenüber. Im Hintergrundeglänzte die blanke Front eines Spindes und nebenihm hatte ein andres mit Glasscheiben Platzgenommen. Mitten in dem Gemach aber standein Tisch und zwischen Fenster und Ofen ein zweiterganz niedriger, an welchem die beiden Personensaßen.

Es war warm, reinlich und behaglich in dieserunterirdischen Wohnung. Die obere Hälftedes Zimmers lag in schweigender Nacht und Stille,die untere Hälfte war voll Licht und Rührigkeit.Die kleine Lampe hatte einen breiten Schirm; ihreStrahlen fielen auf eine Glaskugel und durch diesemit scharfem Glanz auf die Arbeit des fleißigenMannes, der mit großer Behendigkeit an einemfeinen Stiefel nähte. Es war ein noch ziemlichjunger Mann, der hier mit aufgestreiftem Hemdund weißer Arbeitsschürze hinter der Glaskugelsaß. Sein langes, glänzend schwarzes Haar fielüber eine hohe und gewölbte Stirn, ein listigesund lustiges Lachen lag auf seinen Lippen, undwenn er aufblickte und seiner Gefährtin bei diesernächtlichen Arbeit dann und wann ein paar ermunterndeWorte sagte, zeigte er zwei Reihen soprächtiger weißer Zähne, wie sie je schwarzesBrod tapfer zermalmt haben.

Die Frau ihm gegenüber war ebenfalls jungund rüstig. Ihre braunen Flechten legten sich anein gesundes Gesicht mit starken, vollen Zügenund hellen Augen, die entschlossen um sich schauten.Sie sah wie Eine aus, die zu arbeiten weißund Hände wie Mund auf dem rechten Fleck hat.Während sie mit dem Einfassen einiger Schuhesich beschäftigte, die vor ihr standen, trat sie dannund wann mit dem Fuß auf den Läufer einerWiege, welche an ihrer Seite stand, sobald derkleine Schläfer darin sich bewegte. Der rumpelndeTon der Wiege unterbrach dann die tiefeStille und wurde

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