Siegfried, der Held

Der deutschen Jugend erzählt

Rudolf Herzog

Mit Bildern von Franz Stassen

Verlag von Ullstein & Co, Berlin 1912

Copyright 1911 by Ullstein & Co

1. Kapitel

Wie Siegfried jung war, zu Mime in die Lehre kam, den Drachenerlegte und den Nibelungenschatz gewann

[1]Wenn ihr den Rhein hinunterwandert, immertiefer ins niederrheinische Land hinein, seht ihraus der schweigenden Ebene eine altertümlicheStadt sich erheben, die zu träumen scheint. Xantenist sie geheißen, und sie träumt von ihrer großenVergangenheit. Von alten, stolzen Zeiten, danoch ein König hier herrschte weit bis nach Niederlandhinein, da noch die Drachenschiffe nordischerSeeräuber vom Meere heraufkamen in den Rhein,und des Königs starke Ritter, die auf den Rheinwiesenihre Rosse im Turniere tummelten, dieFeinde erschlugen und ersäuften, daß es einewilde Lust war. Hei, wie in den Heldentagen dieTrompeten jauchzten, die Schwerter blitzten und[2]die Schilde krachten, als kämpfte ein herrlich Gewitterrheinauf und rheinab.

Das war die Zeit, da dem König Siegmundund seiner Königin Siegelinde ein Sohn geborenwurde, und weil nach heißen Siegen Friedeherrschte, so nannten sie ihn Siegfried.

Wie ein junger Baum, den die Gärtner mitFleiß und Liebe hüten, wuchs der Knabe auf.Spielend lernte er die Aufgaben, die seine Lehrerihm stellten, und war als Kind schon so klugen undhellen Geistes wie wenige vor ihm und nach ihm.Das tat, daß er nach den Schulstunden nicht in denStuben hockte und sich nicht an Mutters Schürzenbandhängte, sondern wie ein rechter Knabe, der einganzer Mann zu werden wünscht, durch Wiesen undWälder rannte, die Stimmen aller Tiere erforschteund die Geschichten, die der Wald erzählt und dieWellen des Rheines raunen. So wurde nicht nur seinKörper stählern und biegsam wie eine gute Klinge,sondern auch sein Blick wurde scharf und sein Gehörhell und sein Denken rasch und sicher.

[3]Mit zehn Jahren ritt er den wildesten Hengstohne Zügel und Zaum, beschlich ihn auf der Weide,warf sich auf seinen Rücken und bändigte denrasend Dahinstürmenden mit eisernem Griff indie Mähne. Denn Furcht war ihm fremd, und werfurchtlos ist, bleibt Sieger im Leben.

Mit zwölf Jahren besiegte er alle Edelknappenund Waffenknechte seines Vaters, und mit vierzehnJahren ritt er heimlich zum Turnier derstarken Ritter, mit geschlossenem Helmvisier,damit sie nicht wüßten, daß es der Knabe Siegfriedsei und sie ihn wegen seiner Jugend von derBahn verwiesen, legte den Speer ein, den er sichaus dem Stamme einer jungen Esche geschnitzthatte, und warf die stolzen Ritter aus dem Sattel, daßsie aus ihren Panzerstücken herausgeschält werdenmußten, wie gesottene Krebse aus ihren Schalen.

Da trat er vor seinen Vater, den König, undbat ihn: »Laßt mich in die Welt, Herr Vater,überall hin, wo Feinde sind und es für eine guteSache zu fechten gilt.«

[4]Der König aber sprach: »Die Kraft allein tut'snicht, um die Feinde zu bändigen, sondern einweiser Sinn, der aus Feinden Freunde machtund dem Lande die Segnungen des Friedensbeschert. Werde älter, mein Sohn, und du wirstmir meine Worte danken.«

Siegfried aber dachte: »Er hat gut reden, derHerr Vater, denn sein Bart ist heute grau, unddie Tage, in denen er selber mit Schwert und Speerauf die Feinde rannte, liegen hinter ihm. We

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