Gerstäcker

Der Kunstreiter

2. Band


Bosse & Co., Hamburg
1914

»Wirt, mir noch einen Schnaps,« sagteTobias, »der Waldläufer holt mir zu weitund moralisch aus.«

»Mir auch noch einen!« rief Mühler, dender Bursche mit seinem Ernst zu amüsierenanfing. Barthold nahm keine Notiz von derUnterbrechung.

»Siehst du,« fuhr er fort, »wenn dueinen einzelnen Baum da draußen stehensiehst, so denkst du wohl – wenn du überhauptje etwas dächtest – das sei ein lebloses, totesDing, was da steht, und allerdings kann sich'snicht von der Stelle bewegen, es muß am Bodenhaften, wo unser Herrgott es hingepflanzthat. Aber in ihm lebt's und wirkt und schafftund treibt und wächst, reckt die Arme nachdem Himmel empor, von dort her Licht undRegen zu saugen, und hält sich mit den Wurzelnderb im Boden fest, um vom Winde nur gerüttelt, aber nicht geworfen zu werden. Mehrim Leben tut auch nicht einmal der Mensch,nur auf ein wenig andere, sogar nicht immerso erfolgreiche Art. Der Baum ist aber nichttot, er lebt – er lebt und atmet, wie einjedes Tier, wenn sich ihm auch die Brust dabeinicht heben kann; aber durch seine Porenzieht der Lebenssaft, zieht Luft und Feuchtigkeit,was er zum Leben braucht, und wirdihm das genommen, muß er sterben. Nimmnur die Axt und hau' in einen Stamm hinein,und sieh, ob er nicht blutet, wenn auch seinBlut nicht rot aussieht wie das unsere. Langsamtropft es zu Boden, und wenn die Wundeausgeblutet hat, vernarbt sie wieder, wie beidem Menschen. Sieh nur einen gefällten Baumdir an, aber nicht, wie es die meisten Menschentun, die bei einem solchen Baume immergleich berechnen, wie viel Klaftern Scheiteoder wie viel Ellen Nutzholz er geben kann.Sieh ihn an, wie er als Leiche daliegt, dennes gibt ebensogut Baum- wie Menschenleichen– sieh, wie die Rinde abstirbt, ihre gesunde,frische Farbe verliert und fahl und erdfarbenwird, und die Blätter welken und dorren, die Zweige eintrocknen – und langsam geht erzur Erde zurück, von der er kam, wie derMensch, anderen, seinesgleichen, Raum zugeben. Und das ist nur der einzelne Baum,nun aber seht die Masse, seht den Wald, woeiner dem andern die Hand hinüberreicht; sehtihn, wenn er sich abends die Sternendecke überden Kopf zieht und duftet und träumt, undleise rauschend der Atem des Herrn durch seineWipfel fährt; seht ihn, wenn er morgens erwacht,mit rosig verklärtem Gesicht der Sonneentgegenlächelt, und all die tausend Sängerhegt und pflegt, die mit der Morgensonne demAllerhalter ihre Danklieder entgegenwirbeln –seht ihn am Tage, wie er die Arme schützendüber die Erde breitet, den heißen Sonnenstrahlenzu wehren, seine Quellen am liebsten Kinder,die Blumen, zu erreichen und auszutrocknen;seht ihn, wie ihm am Abend spät derhelle Schweiß von der vielen Anstrengung ander Stirn steht und in Millionen Tropfen vonden Blättern funkelt. Seht ihn im Sommerin seiner Kleiderpracht, im Winter, wenn ersich fest eingehüllt hat in seine warmen Schneetücher– seht ihn, wenn ihr wollt, aber er bleibt immer schön und groß und hehr, ein Tempeldes Herrn, den er sich selber auferbaut.«

Barthold hätte sich für seine schwärmerischenGedanken keine unglückseligeren undunpassenden Zuhörer wählen können, und wenner ein Jahr danach gesucht hätte, als ebendie beiden alten Burschen mit dem Wirt zuKauf, der mit offenem Munde hinter ihmstand. Auf Tobias' Gesicht lag, solange deralte Mann sprach, ein breites Grinsen, unddie rotgeränderten feuchten Augen zwinkertennur manchmal

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